85. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft in Mainz (2008)

Vom 10. bis 12. Oktober 2008 fand in der „Villa Musica“ in Mainz die 85. Jahrestagung der Deutschen Dante-Gesellschaft statt. Wie auch im Jahr zuvor stand die Tagung unter einem Rahmenthema:

 

„Die Sprache der Engel. Dante und die Musik”

 

In seiner Rede zur Eröffnung der Tagung am Samstagvormittag sprach der Vorsitzende der DDG, Prof. Winfried Wehle (Eichstätt), dem örtlichen Organisator,  Prof. Klaus Ley, der Universität Mainz sowie der Leitung der „Villa Musica“ den Dank der DDG aus. Grußworte des Vizepräsidenten der Universität Mainz, Prof. Jürgen Oldenstein und von Maria Cristina Ruggieri (Italienisches Generalkonsulat Frankfurt) schlossen sich an. Die Reihe der Vorträge begann mit dem Beitrag von Prof. Oliver Huck (Hamburg) zum Thema: “Die Musik der Engel. Musik und Musikanschauung des Mittelalters”. Nach einem Hinweis auf die Schwierigkeiten, die Franz Liszt bei der Entstehung seiner „Dante-Symphonie“ mit der Musik der Engel gehabt habe, behandelte Huck mittelalterliche Vorstellungen von Engelsmusik: Boethius habe „musica mundana“ (Harmonie des Kosmos), „musica humana“ (Harmonie der Seele und des Körpers) und „musica instrumentalis“ (harmonische Maßverhältnisse des Musizierens) unterschieden. Vom 9. Jahrhundert an habe man liturgische Gesänge als Imitation der Musik der Engel verstanden, doch im 13. Jahrhundert gerate dieser Glaube ins Wanken. Sobald man die Messgesänge nicht mehr als Imitation, sondern als Zeichen für die Musik der Engel deute, setze ein kompositorischer Wettstreit ein, wobei man in der Form des Kanons die Eigenschaften verwirklicht gesehen habe, die man der Musik der Engel zuschrieb: abwechselndes, pausenloses Singen mit einer Stimme. Zur Verdeutlichung analysierte Huck Werke von Marchetto da Padova und anderen. Vom 14. Jahrhundert an sei die Idee von der Musik der Engel nur noch ein Mittel zur Bekehrung gewesen.

Anschließend sprach Prof. Klaus Ley (Mainz) über „Musik im Zwischenreich. Zur Bedeutung und Funktion von Singen und Gesang im ‚Purgatorio’”. Ley begann mit zwei Auffälligkeiten: Obwohl man der Musik seit der Antike eine heilende Wirkung zugeschrieben habe, unterbreche im zweiten Gesang von Dantes „Purgatorio“ Cato den Gesang Casellas; und obwohl die Musik traditionell mit dem Planeten Saturn assoziiert werde, siedle Dante sie im Mars-Himmel an (vgl. „Convivio“ II, 13). Im Anschluss erklärte Ley den ersten Punkt mit der Art der Musik: Die Gesänge des „Purgatorio“ seien liturgische Gesänge, die man als Teil der stufenweisen Befreiung der Seelen zu verstehen habe; Casellas weltlicher Gesang lenke hiervon ab und störe daher. Dante verbinde die Musik mit Mars, weil er ihr eine lindernde Wirkung – das Anziehen und damit Vertreiben der „vapori del cuore”, wie Mars die „vapori” der Natur anziehe – nicht ganz abspreche. Habe schon Tertullian von einer vorläufigen Erquickung der Seelen gesprochen, so dürften auch die Seelen des „Purgatorio“ diese in Form von Musik genießen, aber es müsse die richtige Musik sein.

Am Samstagachmittag sprach Prof. Barbara Kuhn (Konstanz) über „Beatrice und die anderen Engel: die Musik (in) der ‚Vita Nova’”. In der „Vita Nova“ gebe es nur zwei direkte Anspielungen auf Musik: Amors Empfehlung zur Musikbegleitung in der Ballata (Kap. XII) und der Engelschor in der Vision von Beatrices Tod (Kap. XXIII). Zunächst wies Kuhn nach, dass Beatrice physisch zwar eine „donna gloriosa” sei, ihr Auftreten aber metaphorisch wie das eines Engels beschrieben werde. Danach nannte sie etliche Gemeinsamkeiten zwischen Engelsgesang und den Gedichten der „Vita Nova“: ihre Botenfunktion, „dolcezza” und direkte Inspiration, der Lobgesang im Chor und Aufstieg zum Himmel und auch Dantes Idee, dass jegliche Dichtung „musica“ sei. Das Unsagbare der erlebten „dolcezza” werde dabei durch Alliterationen und andere Klangfiguren, Wortwahl und Wortstellung, rhetorische Figuren, Kreisstruktur, Zahlensymbolik und eine entsprechende dichterische Aussage erreicht, wie Kuhn an mehreren Gedichten nachwies.

Den Abschluss des Tages bildete die von Prof. Claudia Eder (Hochschule für Musik Mainz) konzipierte, außerordentlich beeindruckende Veranstaltung „Visionen – Gesänge und Klänge zu Dante Alighieris Divina Commedia“ in der ESG-Kirche Mainz, wo unter der musikalischen Leitung von Wolfram Koloseus Mitglieder des Ensembles der Hochschule für Musik Kompositionen sangen, die sich an Passagen oder Figuren aus Dante und seiner Zeit inspirierten.

Am Sonntagmorgen sprach zunächst Prof. Frank Fehrenbach (Harvard University) über „Tempi armonici. Hörendes Sehen bei Dante und Leonardo da Vinci”. Nach einem Verweis auf  die scheinbar sprechenden Reliefs mit Bildern der Demut („Purg.“ X) und auf die rivalisierenden Maler (Cimabue, Giotto) und Dichter (Guinizelli, Cavalcanti, Dante) in „Purg.“ XI, deren letzter im Angesicht Gottes wie ein Kind lalle („Par.“ XXXIII), konstatierte Fehrenbach, dass man bei Dante eine Abfolge vom Hören über das Sehen zum Verlust der Sprache erkenne. Dies nahm der Referent zum Anlass, um gemäß dem Prinzip des Wettstreits der Künste vier Strukturelemente der Musik bzw. Engelsmusik, nämlich Einstimmigkeit („una voce”), Süße („dolcezza”), Entrückung („raptus”) und Fortdauer („musica perennis”), in der frühneuzeitlichen Malerei in Italien aufzuzeigen, wo sie sich als „unierte Farbe”, ästhetische Lebendigkeit, Ekstase als Motiv und Schöpfungsprinzip und als Problem der Zeitgebundenheit zeigten. Ein Gemälde könne man gleichzeitig als Ganzes wahrnehmen, Musik aber nur sukzessive.

Die Lectura Dantis war diesmal dem 26. Gesang des „Paradiso“ gewidmet. Prof. Hartmut Köhler (Trier) trug zunächst seine eigene Übersetzung vor, anschließend rezitierte Dr. Anna Maria Arrighetti (Mainz) den italienischen Text. In seiner Interprettion des Gesangs ordnete Priv.-Doz. Jörn Steigerwald (Bochum) den Gesang zunächst in die übergreifende Struktur ein und fokussierte dann drei Fragen: Dantes vorübergehende Blendung (als  Warnung vor eitlem menschlichem Forschen nach dem Jenseits, als Parallele zur Konversion des Saulus zu Paulus), den Gesang der Engel (der in „Paradiso“ XXVI Dantes höhere Initiation anzeige und durch die Evozierung der Offenbarung Johannes zu einem Lober Dantes mache) und die Äußerungen Adams, dessen Hauptfehler gewesen sei, die Schöpfung nicht als Werk Gottes wahrgenommen zu haben. Aber auch Dantes Verklärung bringe ein leuchtendes Klangbild hervor, das die Wahrnehmung Gottes erlaube.

Zum Abschluss der Tagung wurden „Drei Sonette aus Dantes Vita Nova“ in der Vertonung von Hugo Daffner (1882-1936) aufgeführt. Danilo Tepša, Tenor, wurde dabei von Sascha El-Mouissi am Klavier begleitet. (Dem Komponisten, Musikwissenschaftler und Arzt Hugo Daffner, geb.in München, gest. im KZ Dachau, gelang 1914 die Neugründung der Deutschen Dante-Gesellschaft, deren Vorsitzender er von 1914 bis 1927 war. Die “Drei Sonette” op. 63 sind offensichtlich aus Anlass der Neugründung der DDG entstanden.)

Die nächste Tagung der Dante-Gesellschaft wird vom 9. bis 11. Oktober 2009 in Würzburg stattfinden.

 

  • Joachim Leeker (Dresden)

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